SeitenWechsel – Lernen in anderen Lebenswelten

Bernd Meenzen, SeitenWechsler im ARCHE Zentrum

Seit 2000 erweitern Führungskräfte der Wirtschaft und Verwaltung mit SeitenWechsel ihre Führungskompetenz – auf einmalige Art. Sie arbeiten eine Woche lang als Praktikant in einer sozialen Institution. Unter realen Bedingungen und in einem für sie unbekannten und herausfordernden Kontext. Die „Seitenwechsler“ begegnen Menschen, denen sie sonst selten so nah kommen. Sie lernen andere Führungs- und Arbeitsweisen kennen. Und sie erleben sich selbst im Umgang mit anderen Menschen auf eine ganz neue Weise.

Auch Bernd Meenzen, Führungskraft bei der Weser-Elbe Sparkasse, hat sich auf dieses Projekt eingelassen und war eine Woche in unserem Arche-Zentrum für psychisch kranke Menschen als „Praktikant“ im Einsatz. Seine Eindrücke und Erlebnisse hat er in einem Bericht zusammengefasst:

“Um es zunächst mit den Worten der „Patriotischen Gesellschaft von 1765“ zu beschreiben, die hinter diesem Programm steht:

 


„Beim SeitenWechsel werden Führungskräfte eine Woche lang konfrontiert mit Menschen in schwierigen Lebenslagen. Die „Seitenwechsler“ sollen durch die nachhaltige Erfahrung Fähigkeiten ausbilden, die sie zukünftig bei einem sensiblen und souveränen Umgang mit Krisensituationen unterstützen.“

Soviel zur Theorie!? Aber nun zur Praxis: Die beginnt an einem trüben Montagmorgen im März 2019 um 8 Uhr in Leherheide. Als 51-jähriger angegrauter „Sparkässler“ stehe ich, Bernd Meenzen, vor dem Arche-Zentrum für psychisch kranke Menschen und bin trotz vermeintlich jahrzehntelanger Berufs- und Lebenserfahrung gefühlt aufgeregt wie bei meiner Einschulung.


Wochenplan und Frühstücksbrot in meinem Rucksack und nach einer kurzen, aber prägnanten Einführung ins Thema durch den Leiter der Arche, Michael Tietje, geht es dann auch ohne Umschweife los: „Konkrete Mitarbeit hinter dem Tresen“ lautet die Herausforderung für den ersten Vormittag in der „Cafete“ der Arche. Dank der Unterstützung von Martin und Pascal sowie der Geduld der hungrigen Klienten vor dem Tresen überstehe ich den Brötchen- und Kaffeeverkauf trotz großen Lampenfiebers ohne größere Kassen-differenzen und damit meine erste Feuertaufe (…puh!). Beflügelt von der überwältigenden Hilfs¬bereitschaft des Arche-Teams und der Gastfreundschaft der Klienten starte ich sodann in eine außergewöhnlich kurzweilige und intensive Seitenwechsler-Woche.

 

Ergebnis der Klönschnack-Gruppe

Dabei „absolviere“ ich diverse Präsenzdienste, begleite die Ausgabe der Medikamente und nehme an Teambesprechungen teil; aber vor allem lerne ich in kürzester Zeit die Arche-Familie kennen und gern haben. Sowohl bei den Hausbesuchen mit „Semmy“ als auch in zahlreichen Gesprächen in der Cafete werde ich von zahlreichen MitarbeiterInnen und KlientInnen von Anfang an beschenkt mit einer Herzlichkeit und Offenheit, wie ich sie bis dato auch außerhalb der Arche selten erlebt habe.

Dafür bin ich dann auch bereit, vollen (Körper-) Einsatz zu zeigen – zum Beispiel beim Armdrücken mit Janin („…knappes Ergebnis“), später dann in der Körpergruppe mit Martina, Artur, Marion und Barbara („…sollte ich öfter machen“) und nicht zuletzt beim „Mensch ärgere Dich nicht“ mit Annika („…einigen wir uns auf unentschieden“). Im Gegenzug darf ich am Dienstag an der von Bernhard äußerst kreativ und kulinarisch angereicherten Klönschnack-Gruppe teilnehmen (s. Foto).

Und zuletzt mobilisiere ich sogar meine nur noch rudimentär vorhandenen Talente beim Hallenfußball, die mich allerdings nicht davor bewahren, zwei schmerzhafte Gegentore von Mittelstürmerin Monika zu kassieren. Aber bereits im Probenraum beim ersten Akkord von „Verdammt lang her“ von Artur auf der E-Gitarre, begleitet von Olli und Bernd sowie dem Gesangsduett Tanja und Monika sind die sportliche Niederlage und der heftige Muskelkater wie im Nu verflogen („…ich warte übrigens noch auf die Einladung zum Gig des „Archesters“ auf dem Sommerfest“).

Und plötzlich nach zahlreichen intensiven Eindrücken, bewegenden Momenten und fesselnden Gesprächen ist es schon Freitag und die Seitenwechsler-Woche vorüber. Verwundert reibe ich mir die Augen und gehe einerseits ein bisschen traurig und demütig, aber vor allem erfrischend geerdet und befreit von diversen Vorurteilen durch die Tür des Arche-Zentrums zurück in (m)eine andere Lebenswelt und bin überaus dankbar, dass ich eine Woche ein Teil dieser tollen Arche-Familie sein durfte.“
Die Diakonie Bremerhaven und besonders das Team des Arche-Zentrums danken Herrn Meenzen für seine Offenheit und sein Engagement in unserer Einrichtung.

Weitere Informationen zum Programm „SeitenWechsel“ finden Sie auf: www.seitenwechsel.com

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